Editionskollektiv Mezzanin

Unzeitgemäse Verachtungen

Wenn die Literatur auf dem Riss zwischen Umgangs- und Hochsprache besteht, statt daß sie mit ihm sich selbst in Frage stellt, kann sie an der Bewegung der Sprache nicht teilnehmen, die sich zuerst in den Jargons vollzieht und nicht auf dem Papier. Literatur nimmt aber an der Geschichte teil, indem sie an der Bewegung der Sprache teilnimmt. In diesem Sinne ist sie EINE ANGELEGENHEIT DES VOLKES (Kafka). Im anderen Fall bleibt sie geschichtslos elitär und wird als Kunstgewerbe in das System integriert, das mit der Kulturindustrie an der Betonierung des Status quo arbeitet und so Geschichte verhindert.

Heiner Müller



In einer Struktur, in der Sprache in ihrem Innersten stumm ist, weil sie dazu verdammt ist, Ware ( ohne h) zu sein, Texte zu produzieren erscheint irgendwie irrsinnig. Und doch gibts immer wieder jemanden, die im Bewusstsein des Irrsinns Irrsinn treibt im Kampf gegen die Hydra, die unentwegt Worte frisst; sich einschleicht ins feindliche Pamphlet, es lüstern umgarnt, bis der rechte Teil davon als klebrig-glatter Auswurf das Ende der Geschichte schreibt. Information die den Kanal verstopft. Warum also das Ganze? Warum ein Satz mehr im Meer von Sätzen? Warum Sinn im Sinn vollen Unsinn? Vielleicht weil unter dem Geschichtspanzer doch noch was bebt; ein Gespenst? Ein Leib? Ein Wunsch vielleicht? Vielleicht weil das Erdgeschoss irgendwann zu eng geworden sein wird, und das Atmen schwer fallen wird, im Leichenhaus in dem nicht mehr gelüftet wird, seitdem der Keller betoniert ist. Das täglich Brot in diesem Mezzanin ist das Vielleicht. Vielleicht ist irgendwann die Hydra tot, und nur Vielleicht lässt sich fressen ohne Scham. Deshalb richten wir den Halbstock wohnl ich ein und reißen weiter Wände ein, nach allen Seiten hin in Richtung Keller, wo unsre Toten liegen.

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